Das    Interview    fand    anlässlich    des    Vortrags „Mrs. Beauty: My Favorite Client“  bei designfunktion  München  am   24.   Mai   2012 statt. Der vielfach ausgezeichnete Designer erzählte  darin  über  den  Einfluss  von Poesie und Schönheit auf seine Arbeit. Sein langjähriger Freund Jan Teunen führte das Gespräch für designfunktion.

Teunen: Der  Titel,  den  Du  für  Deinen  heutigen  Vortrag  ausgesucht  hast,  lautet: „Mrs. Beauty: Meine Lieblingskundin. Wer ist Mrs. Beauty?
De Lucchi: Ich beende meinen Vortrag mit zwei Bildern, die meine Lieblingskundin, die Erde, illustrieren – in all ihrer Schönheit so, wie sie von der Natur und vom Menschen erschaffen wurde.

Teunen: Freiheit ist eines Deiner Lieblingsthemen. Für Dich ist die größte Qualität, die ein Produkt haben kann, das Maß an Freiheit, das es seinem Nutzer schenkt. Was genau meinst Du in diesem Zusammenhang mit Freiheit?
De Lucchi: Freiheit ist die Identifizierung mit einem Produkt und die Kohärenz mit den geweckten Erwartungen.

Teunen: Was ist zum Beispiel die Freiheit, welche Deine Tolomeo Leuchte dem Nutzer schenkt?
De Lucchi: Die Tolomeo Leuchte schenkt Freiheit, da sie sich jedem Raum jeder Funktion und jeder Persönlichkeit anpasst.

Teunen: Wir treffen uns heute hier in München an dem Tag, an dem sich der Geburtstag Deines Lieblingsdichters, des russischen Nobelpreisträgers Joseph Brodsky, jährt. Seiner Meinung nach ist die Ästhetik die Mutter der Ethik. Stimmst Du dieser Aussage zu und wenn ja, warum?
De Lucchi: Ja, was sonst? Wenn wir Gerechtigkeit und Ehrlichkeit möchten, müssen wir nach schönen Dingen streben und uns mit solchen umgeben. Brodsky hat geschrieben, dass sich im Mittelalter schwangere Frauen, die schöne Kinder haben wollten, mit schönen Dingen umgaben. Das war nicht verkehrt gedacht. Diese Frauen hatten, wie auch die meisten Frauen heute noch, die Reinheit der Intuition. Heute wissen wir, dank der bildgebenden Verfahren und deren Ergebnissen, die von den Hirnforschern eingesetzt respektive ausgewertet werden, wie groß die Wirkung von Qualität im Umfeld des Menschen auf die Programmierung seines Gehirns und auch seiner Lebensqualität ist.

Teunen: Inspiriert durch ein Interview, welches Andrea Branzi der FAZ gab, bezieht sich designfunktion darauf, dass Architektur und Einrichtung zur zweiten Natur des Menschen geworden sind. Eine Natur, die ebenso schön sein kann wie die erste – vorausgesetzt, sie hat eine Qualität, die sowohl eine funktionale als auch eine poetische Beziehung ermöglicht. Kannst Du bitte die poetische Qualität Deines Designs beschreiben?
De Lucchi: Bauen bedeutet mit der Erde  zu  kooperieren  –  so  hat  es  sinngemäß Marguerite Yourcenar in ihrem Buch „Memoires of Hadrian“ geschrieben. Die Natur des Planeten vereint beides. Das Natürliche und das Artifizielle. Natur und Künstliches bringen Qualität im modernen Sinne hervor, wenn sie durchmischt werden, neue Kombinationen bilden und sich gegenseitig positiv beeinflussen.

Teunen: Maurizio Cattelan hatte vor kurzem  eine  große  Retrospektive  im Guggenheim Museum in New York. Im  Katalog dieser Ausstellung war  der Ästhetik des Scheiterns ein Kapitel gewidmet. Gibt es in Deinem Oeuvre irgendetwas, das dieser Kategorie angehört?
De Lucchi: Catellans Arbeit ist sehr bekannt für Provokationen, weil sie das Zeug dazu hat, verwirrende und paradoxe Fragen hervorzurufen. Das Scheitern gehört zur Natur des Menschen wie die Intensität und das Drama von Vulkanausbrüchen oder Erdbeben. Wie es sich zeigt, ist Schönheit ein integraler Bestandteil dieser Phänomene. Sie erschließt sich aber nur den Menschen, die felsenfest an eine höhere Macht glauben. Ich weiß nicht, ob ich diese Ebene bereits erreicht habe.