Jan Teunen im Gespräch mit Pieke Bergmans

Pieke Bergmans zeigte im August 2014 ihre Kunst in der Ausstellung FREEZE im Noordbrabants Museum, s’Hertogenbosch. Jan Teunen interviewte die Designerin unmittelbar vor der Eröffnung.

J. T.: Heute ist der 21. August 2014, und wir treffen uns im Noordbrabants Museum in ’s-Hertogenbosch in den Niederlanden, wo in wenigen Stunden deine Ausstellung „Freeze, Pieke Bergmans Design‟ eröffnet wird. Deine erste Solo-Schau in einem Museum. Wir sind vorhin schon mal durchgegangen. Deine meisten Arbeiten sind sehr nahe an der Kunst. Trotzdem nennst du dich Designerin. Warum?

P. B.: Weil ich Designerin bin. Was dem Maler Pinsel, Leinwand und Staffelei sind, ist für mich die industrielle Fertigung. Ich nutze sie, um meine Werke zu realisieren. Ich studiere die Prozesse sehr genau und störe sie bewusst, manipuliere sie. Man kann sagen, ich bin eine Choreografin des industriellen Prozesses. Eine Choreografin, die Bewegungen lenkt und die dafür sorgt, dass der Naturstoff nicht in ein Korsett eingezwängt wird, sondern frei bleibt. Wenn man universell denkt, weiß man, dass der Naturstoff eine rare Substanz ist. Als Designerin ist es mir ein großes Anliegen, die natürlichen Eigenschaften des Materials zu respektieren und ihnen gerecht zu werden.

J. T.: Hast du als Kind schon davon geträumt, Designerin zu werden?

P. B.: Nein, ich wollte irgendetwas machen mit Tieren und für Tiere. Diesen Traum habe ich ziemlich lange geträumt, bis er nach einem Praktikum in einer Tierklinik platzte. Ich war da im Teenager-Alter. Von neun bis fünf im weißen Kittel in weiß gefliesten Räumen assistieren beim Operieren von Schlangen und Adlern war dann doch nicht mein Ding. Ich hatte eine zu romantische Vorstellung vom Beruf des Tierarztes. Träumte eher von „Field Work‟ etc. Die Realität sah dann ganz anders aus.

J. T.: Wir kennen uns schon sehr lange durch meine Freundschaft zu deinen Eltern. Deine Mutter ist eine wunderbare Künstlerin, dein Vater ein begnadeter Schuhdesigner. Haben sie dich in deine heutige Profession gezwungen oder warst du frei in der Wahl deines Berufes?

P. B.: Mein Elternhaus war natürlich prägend und ist es bis heute. Gezwungen in irgendeine Richtung wurde ich nicht. Ich sollte mich meiner Eignung und Neigung entsprechend frei entfalten. Ich besuchte auch eine freie Schule. Mein Vater hat mich ziemlich oft auf Geschäftsreisen ins Ausland mitgenommen. Bei seinen Auftraggebern wurde meine Faszination für die semiindustrielle Produktion geweckt. Sie hält bis heute an.

J. T.: Was inspiriert dich?

P. B.: Meine größte Inspirationsquelle ist die Natur, ihre Schönheit, ihre Angemessenheit, ihr Streben, immer an die 100 Prozent des angelegten Potenzials heranzugehen. Inspiriert werde ich natürlich von vielem anderem, auch von der Kunst und von den Werken von Kreativen wie Ólafur Elíasson, der übrigens auch die Natur als Hauptinspirationsquelle hat, Anish Kapoor, Louise Bourgeois, Ron Arad, Fischli/Weiss, Tinguely und Random International. Sie sind für mich nicht unbedingt Vorbilder, aber eine große Inspiration. Mich interessieren an ihren Werken Phänomene wie Metamorphose und Poesie.

J. T.: Als du mich vorhin durch die Ausstellung geführt hast, kam mir der folgende Satz von El Lissitzky in den Sinn: „Jede Form ist das erstarrte Momentbild eines Prozesses. Also ist das Werk Haltestelle des Werkes, nicht erstarrtes Ziel.‟ Der Gedanke passt wunderbar zu deiner Arbeitsweise und zu deinem Werk. Was ist das Ziel deiner Produktion?

P. B.: Die Wirkung meiner Arbeiten auf Menschen. Ich hoffe und wünsche, dass sie das Selbstverständliche aufbrechen. Sie sollen anderen bewusst machen, dass es noch Unendliches zu entdecken gilt. Ich selbst bin sehr neugierig und offen für Neues. Das empfinde ich als ein großes Geschenk, und dieses Geschenk will ich gerne mit anderen Menschen teilen durch meine Arbeit. Mit ihr will ich Augen öffnen, ja ich will sogar die Welt öffnen. Und ich will Mut machen. Mit meinen Arbeiten will ich zum Beispiel Hersteller dazu animieren, mutiger und fantasievoller zu werden.

J. T.: Kürzlich waren wir gemeinsam in der Jury des Physix-Wettbewerbs von Vitra bei designfunktion in München. Du scheinst eine große Affinität zu Vitra zu haben. Was gefällt Dir an diesem Unternehmen so sehr? Was hast du mit Vitra bereits gemacht?

P. B.: Vitra ist für mich der mutigste und fantasievollste Büromöbelhersteller der Welt. Mit der intelligenten Mischung aus Klassikern, neu entwickelten Produkten, dem Vitra Design Museum mit dem Campus in Weil am Rhein, mit den Publikationen und den vielen kulturellen Aktivitäten hat das Unternehmen etwas Utopisches geschaffen. Es ist gleichzeitig der Kontext, in dem seine Produkte für andere bedeutsamer werden. Unternehmen, die wie Vitra unterwegs sind, erfinden durch ihr experimentierendes Vorgehen Zukunft, und das gefällt mir. Ja, man kann sagen, wir sind wahlverwandt, dienen der gleichen Sache. Im Jahr 2007 begann meine Kooperation mit Vitra. Es wurde zugelassen, dass Vitra-Produkte als Wirte zur Verfügung standen für mein Virus-Projekt. Entwürfe von Charles und Ray Eames, Maarten Van Severen, Sori Yanagi, Ronan & Erwan Bouroullec, Jean Prouvé und Jasper Morrison wurden befallen von meinen Viren, von meinen Glasobjekten, und später wurden die Arbeiten in einer Ausstellung im Vitra Design Museum gezeigt.

J. T.: Durch die Fußball-Weltmeisterschaft waren in diesem Jahr alle Augen auf Brasilien gerichtet. Du bist dort „Designer of the Year 2014‟. Wie kommt eine Holländerin zu einer solchen Ehre?

P. B.: Man wird gewählt, eingeladen. Damit das passiert, muss man natürlich sichtbar sein, und ich empfinde es als ein großes Glück, dass die Medien weltweit sich für meine Arbeit interessieren, darüber berichten und meine Anliegen kommunizieren. Natürlich nutze ich die Gelegenheit ganz im Sinne von Joseph Beuys und seiner Idee der sozialen Plastik, indem ich mit Kunsthandwerkern und Handwerkern in Brasilien gemeinsam an Projekten arbeite.

J. T.: Was stört dich an unserer Welt?

P. B.: Dass sie zunehmend zur Maschine wird. Zu einer Geschwindigkeitsmaschine, zu einer Geldmaschine, zu einer Schnäppchenmaschine. Zu einer Maschine, die ein Zuviel an Mittelmaß produziert. Ich will dem etwas entgegensetzen, indem ich nicht Austauschbares in die Welt bringe in einer experimentellen Formensprache, die nicht kompatibel ist mit dem, was in Geschenkboutiquen und sogenannten Design-Shops alles so angeboten wird. Ich will ein Mehr an Poesie in die Welt bringen, denn die Sehnsucht beim Menschen nach dem Poetischen ist unermesslich groß – ich will sie mit meinen Arbeiten stillen.

J. T.: In der Physix-Jury saß auch Prof. Jeremy Myerson vom Royal College of Art. Du hast an diesem renommierten Institut studiert. Was hat dir an diesem Bildungsinstitut besonders gefallen?

P. B.: Mein Aufenthalt dort war so etwas wie ein Sahnehäubchen für meine akademische Ausbildung bis dahin. Das Tollste ist, dass man dort die ganze Welt trifft. Menschen aus anderen Kulturen mit einer anderen Sicht der Dinge. Durch diese Begegnungen und durch den Dialog wird man bescheiden. Man kommt zu dem Schluss, dass so ziemlich alles, was man vorher gelernt hat, nicht unbedingt anwendbar ist in anderen Kulturkreisen. Dass viele „Kunststückchen‟, die einem beigebracht wurden, indem Lehrer einem ihre Sicht der Dinge überstülpten, woanders nicht funktionieren. Da war natürlich auch noch diese faszinierende Metropole, diese Weltstadt London mit ihrem Angebot und ihren Möglichkeiten – so etwas haben wir in meiner Heimat nicht, und ich habe den Aufenthalt dort sehr genossen. London und das RCA haben meinen Horizont erweitert, zu meiner Entwicklung beigetragen.

J. T.: Hast du ein Lieblingsbuch?

P. B.: Am meisten liebe ich die Bücher, die ich gerade lese. Zurzeit beschäftige ich mich mit einem Buch des Künstlers Theo Jansen, der u. a. große Skulpturen macht, die sich durch die Landschaft bewegen, er nennt sie Strandbiester, und mit einem Buch über Affen.

J. T.: Da sind wir also doch wieder bei den Tieren, und am Ende dieses Interviews wieder beim Anfang. Wie heißt es doch so schön: Die Drehung zum Ursprung ist die Bewegung, die unser Tun in Liebe lenkt.
Liebe Pieke, so ein Gespräch mit einem freien Vogel lässt einen nicht gleichgültig. Ich danke dir sehr.

PIEKE BERGMANS, geb. 1978 in den Niederlanden. Studierte grafische Gestaltung und 3-D-Design in Breda und Arnheim und Industrial Design an der Design Academy Eindhoven. Ihr Studium schloss sie ab am Royal College of Art in London. Sie hat ein eigenes Studio in Amsterdam und Mailand.

Bergmans hatte Solo-Ausstellungen in Mailand, Paris, London, Tokio, Miami und Basel. Ihre Arbeiten befinden sich in Sammlungen und Ausstellungen in verschiedenen Museen wie dem Groninger Museum, Centre Pompidou, Victoria and Albert Museum, Museum Boijmans Van Beuningen, 21_21 Design Sight Tokio, Vitra Design Museum, Design Museum Holon etc.

Sie arbeitet mit Firmen wie Rosenthal, Comme des Garçons und Vitra zusammen.